Seminar 1

Die Kraft des Atems

Es ist schwierig, den Atem in wenigen Worten zu definieren. Der Atem ist das wahre Leben in allen Wesen. Es ist die Kraft des Atems, die alle Bestandteile des Körpers zusammenhält. Lässt diese Kraft nach, dann verliert der Wille die Kontrolle über den Körper. Wie die Kraft der Sonne alle Planeten hält, so hält die Kraft des Atems jedes Organ. Darüber hinaus reinigt der Atem den Körper, indem er ihm neues und frisches Leben zuführt und alle Gase ausscheidet, die ausgeschieden werden sollen. Er nährt den Körper, indem er aus dem Weltall Energie und Substanzen aufnimmt, die notwendig sind - nötiger als alles, was man isst und trinkt. Der ganze Mechanismus des Körpers arbeitet durch die Kraft des Atems, und jede Störung im Wirken dieses Mechanismus ist durch irgendeine Unregelmäßigkeit des Atems verursacht. Deshalb spüren Ärzte eine Störung in der Gesundheit eines Patienten, indem sie seinen Puls oder den Herzschlag fühlen. Ein Arzt wird sagen, dass die Veränderung in den Puls- und Herzschlägen durch die physische Krankheit des Körpers verursacht wird, während der Mystiker weiß, dass sie durch den Atem verursacht wurde.

Der Atem wirkt in seinen verschiedenen Aspekten auch unterschiedlich. In jeder Richtung wirkt der Atem auf eine besondere Art. Der Atem hat eine spezielle Aufgabe in jedem Organ des Körpers und seinen besonderen Einfluss auf jedes Element, aus dem der Körper besteht. Jede Bewegung, die man macht, wird durch die Kraft des Atems gelenkt, und gleichzeitig ist es allein der Atem, der die Kraft besitzt, irgendeine Bewegung anzuhalten. Zum Beispiel Gehen, Laufen, Sitzen und Stehen sind Tätigkeiten, die durch die Kraft des Atems ausgeführt werden, während Zittern, Schaudern oder unbeherrschte Bewegungen der Hände und Füße einen Mangel an Kraft des Atems zeigen. Alle Lungenkrankheiten werden durch Unreinheit des Atems verursacht. Beschwerden des Gehirns oder der Verdauungsorgane werden auch durch Unregelmäßigkeit des Atems verursacht. Dies zeigt, dass im Atem der Schlüssel zur Gesundheit, dem wahren Lebensglück, liegt.

Hazrat Inayat Khan - Volume XIII -  The Gathas, Part IV - Pasi Anfas: Breath, Gata I

 

Die Kultivierung des Atems

Der Atem wirkt auf verschiedene Weise im Mechanismus des Körpers. Hunger und Durst, sowie die Fähigkeit zu essen und zu trinken werden durch den Atem bewirkt. Das Öffnen und das Schließen der Augen und die Aktivitäten aller Organe werden durch die Kraft des Atems gelenkt; ebenso wird das Ausstoßen aller Gase und Exkremente durch den Atem bewirkt. Somit wird jede Aktivität des Körpers, äußerlich wie innerlich, durch den Atem gelenkt. Darum verursacht Unregelmäßigkeit des Atems Krankheit und seine Regelmäßigkeit führt zur Gesundheit. Heutzutage finden viele Ärzte verschiedene Gründe für Krankheiten heraus, während der Mystiker auf den Atem weist und ihn als Ursache betrachtet. Nach Auffassung des Mystikers verleiht ein natürlicher, voller Atem vollkommene Gesundheit, aber seiner Ansicht nach atmet von hundert Menschen kaum einer richtig. Jeder Brahmane unterrichtet sein Kind vom neunten Lebensjahre an in der Kunst des Atmens. Da im Allgemeinen fast jedermann nachlässig atmet, wird es nur selten jemanden bewusst, dass seine Art zu atmen nicht richtig ist.

Das Einziehen und Ausströmen der Luft, das man in der Nase und der Lunge spürt, ist das, was wir für gewöhnlich ‘Atem’ nennen. In Wirklichkeit verhält es sich jedoch damit wie mit dem Stamm eines Baumes, der viele Äste hat. Der Arzt betrachtet die Lunge als den Kanal des Atems, aber für den Mystiker sind die Lungen Äste des Baumes, dessen andere Zweige alle Teile des Körpers erreichen. Er bezeichnet alle diese Zweige mit verschiedenen Namen. Dieser Baum hat seine Wurzeln im Körper und hat Zentren, wo die Äste dem Stamm entspringen. Es gibt fünf solcher Zentren im menschlichen Körper. In jedem von ihnen hat der Atem eine besondere Aufgabe. Durch das Studium der Mystik erkennt man, dass das menschliche Leben von der Tätigkeit dieser Zentren abhängt. Im Allgemeinen sind sie im Innern des Körpers blockiert und geben darum nur ein trübes Licht, wenn man sich den Atem als Brennstoff und die Zentren als Laternen vorstellt. Sind diese Zentren nicht in gutem Zustand, bedeutet dies eine Kraftverschwendung, außerdem bleibt dadurch dem Menschen die volle Erfahrung des Lebens versagt.

Kräfte, die als übernatürlich gelten, werden natürlich, wenn der Mensch ein natürliches Leben führt. Die erste Anforderung naturgemäßen Lebens ist richtiges Atmen. Viele Leute atmen halb, viele nur ein Viertel oder noch weniger. Viele Krankheiten, wie Lungen- oder Nervenkrankheiten, können durch richtiges Atmen vermieden werden. Wenn der Atem eine bestimmte Richtung einnimmt, verursacht er Schlaf, ebenso bewirkt die Richtung des Atems Spannkraft oder Ermüdung. Mit Hilfe des Atems wird der eine durch Körperübungen stärker, während ein anderer sich bei körperlicher Arbeit erschöpft und verbraucht. Arbeiter in Indien, die schwere Lasten zu tragen haben, kennen eine gewisse Art zu atmen, dadurch vermögen sie schwer zu arbeiten und spüren kaum Ermüdung. Es gibt viele Ursachen, warum die Menschen im Allgemeinen nicht richtig atmen, eine davon ist das Fehlen einer entsprechenden Erziehung. Da die Gesundheit wichtiger ist als alles andere auf Erden, und da sie gänzlich vom Atem abhängt, der das wahre Leben ist, muss der Pflege des Atems größte Aufmerksamkeit geschenkt werden.

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Prana

Atem wird in der Sufi-Terminologie Nafas. genannt. Im Sanskrit heißt er prana, das bedeutet ´das wahre Leben´. Er bringt Leben und Magnetismus in alle Teile des Körpers, denn Atem an sich ist Leben und Magnetismus. Entstellungen der Gestalt und der Gesichtszüge sind oft von einer Störung des Atems verursacht. Mangelndes Ebenmaß in der Gestalt und in der Kraft können ebenfalls durch fehlende Regelmäßigkeit des Atems verursacht sein. Durch Körperübungen und Stimmbildung kann sich der Atem in verschiedenen Teilen des Körpers entwickeln. An den Fingern eines Violinisten kann man besonders gut beobachten, wie er durch stetes Üben auf der Violine eine Art Magnetismus, eine Art Leben in die Saiten bringt, die seine Finger berühren. Dieses Beispiel ist ein klarer Beweis dafür, dass es weder die spielenden Finger sind, noch die klingende Violine ist, sondern dass beide Instrumente des Lebens sind.

Die Bedeutung des Atems wird allmählich auch von der wissenschaftlichen Welt anerkannt, aber von diesem mystischen Thema bleibt noch vieles unerforscht. Die Mystik gründet sich auf der Wissenschaft vom Atem. Es gibt keinen Mystiker, sei er Buddhist oder Vedantist oder Sufi, der von einem anderen Verfahren als dem des Atems Gebrauch macht. Atem ist die erste Lektion und auch die letzte.

Ein Mystiker vermag seinen Atem in jeden Teil seines Körpers zu senden, und wird dadurch fähig, Leben, Strahlung und Magnetismus jedem kleinsten Teilchen zukommen zu lassen. Die Frage, ob er den Atem durch seine Willenskraft aussende, kann einfach mit ja beantwortet werden, doch das ist nicht genug. Wenn die Violine keine Saiten hat, kann man mit der Willenskraft allein nicht auf ihr spielen. Solange der Adept seinen Atem nicht ausgeglichen, kontrolliert und gereinigt hat und ihn bemeistert, kann er das gewünschte Ergebnis nicht hervorbringen. Es ist nutzlos, den Atem für übersinnliche und okkulte Zwecke benutzen zu wollen, ehe man ihn in den Zustand gebracht hat, in dem er richtig im Körper wirken kann. Viele bleiben erfolglos im Streben nach geistigen Zielen, weil sie übersinnliche Phänomene hervorbringen wollen, ehe der Atem im Körper richtig wirken kann. Sie können Beethoven nicht vollendet auf einem Klavier spielen, das nicht gestimmt ist.. Der Körper ist das Instrument für jegliche Erfahrung - weltliche wie geistige, und es ist nicht richtig, zu sagen, dass der Körper keine Rolle spielt und nur der Geist (spirit) zählt. Es ist gerade so, als würde man sagen, dass es keine Rolle spielt, ob ds Instrument gestimmt ist, es ist die Musik, die zählt. Der Mechanismus des Körpers ist so gschaffen, dass der Atem in jede Richtung eine bestimmte Arbeit verrichtet, sogar in solch einem Ausmaß, dass der Grad seiner Stärke sich auf der Rechten und Linken unterscheidet. Durch ein vertieftes Studium des Atems erkennt der Sucher nach der Wahrheit, dass jedes Teilchen des Körpers vom Atem geformt und ernährt wird, - und so auch vom Atem und dem Atem entsprechend sein Charakter geformt wird.

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Der Atemkanal

Der Atem ist ein Kanal, durch den das innerste Leben sich ausdrücken kann. Der Atem gleicht einem elektrischen Strom, der zwischen dem ewigen Leben und seiner sterblichen Hülle fließt.

Diejenigen, die Intuition oder irgendeine übernatürliche Kraft erlangt haben, erreichten dies mit Hilfe des Atems. Aber die erste und wichtigste Vorbedingung ist ein reiner Kanal für den Atem, und dieser Kanal ist der menschliche Körper. Wenn dieser Kanal blockiert ist, hat der Atem keine Möglichkeit, frei zu strömen. Die Luft an sich ist nicht schlecht, aber wenn sie die Erde berührt, nimmt sie den Einfluss der Erde auf und kann verunreinigt werden. Genauso ist es mit dem Atem. Der Atem an sich ist rein, aber wenn der Kanal, durch den er wirkt, nicht in Ordnung ist, wird er unrein.

Der Atem vollführt einen Kreislauf durch den Körper, und der Kanal, durch den er fließt, ist die Wirbelsäule. Die Mystiker messen diesem Kanal große Bedeutung bei und nennen ihn die Schlange und stellen ihn als Schlange dar, die sich in den Schwanz beißt. In fast allen Symbolen stellt die Schlange den Atemkanal dar. In der Terminologie der Yogis wird sie Kundalini genannt. Wird dieser Kanal durch Atemübungen gereinigt, ist es nicht nur eine Hilfe für den physischen Körper, sondern öffnet auch die Fähigkeit der Intuition und die inneren Tore, hinter denen das wahre Glück des Menschen verborgen ist. Um diesen Kanal von allen Blockierungen zu reinigen, muss man die Regeln mystischer Reinigung und rhythmischen Atmens befolgen. Menschen, die das nicht richtig verstehen und nur halbwegs etwas darüber gelesen oder gehört haben, meinen, dass durch die Atemübungen gewisse Chakras, Zentren geöffnet werden und dass manche Arten von Schwierigkeiten die Folge seien. Betrachtet man dies aber von einem anderen Standpunkt aus, könnte man genauso gut sagen, dass ein Kind niemals seine Augen öffnen sollte, weil es dadurch allen Arten von Versuchungen ausgesetzt wird. Alle Tugend beruht auf der Selbstbeherrschung. Es gibt keine Tugend, wenn einer wie tot daherlebt. Das Leben ist nur lebenswert, wenn es voll gelebt wird. Manche Leute halten nach Wundern Ausschau, aber es gibt kein größeres Wunder als den Atem selbst, denn der Atem ist Leben und Licht, und im Atem ist der Ursprung von Leben und Licht. In der Beherrschung des Atems ist das Geheimnis der beiden Welten verborgen.

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Kasif und Latif

Der Atem wird von den Sufis kasif und latif genannt. Kasif heißt dicht und latif heißt fein. Ein dichter Atem ist geräuschvoll und mühsam und strengt die Lungen und die Nerven an. Übungen mit dichtem Atem sind nützlich, um die Muskeln zu entwickeln und Kontrolle über die Nerven zu erlangen. Sie nützen auch den Lungen und sind der physischen Gesundheit zuträglich. In der spirituellen Entwicklung jedoch kann der Atem, - ehe er nicht fein gemacht wird - die wichtigen Zentren im Körper nicht durchdringen und nicht weit genug zu den innersten Teilen des Lebens gelangen.

Der Atem ist für den Sufi eine Brücke zwischen ihm und Gott. Er ist ein Seil für ihn, das am Himmel befestigt ist und zur Erde herabhängt. Mit Hilfe dieses Seils klimmt er empor. In der Sprache des Korans wird der Atem burak genannt, ein Pferd, das dem Propheten für seine Reise zum Himmel gesandt wurde. Die Hindus nennen ihn prana, was Leben bedeutet. Symbolisch stellen sie ihn als Vogel dar, der im Sanskrit garuda heißt, auf dem die Gottheit Narayana reitet.

Es gibt keine geistige Schulung, in der dem Atem nicht die größte Bedeutung für den spirituellen Fortschritt beigemessen wird. Hat der Mensch mit Hilfe des Atems einmal die Tiefe des eigenen Wesens berührt, wird es ihm leicht, mit allem, was es im Himmel und auf Erden gibt, eins zu werden

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Atem - Träger des Selbst

Der Atem ist ein Mysterium. In ihm ist das Geheimnis des Lebens verborgen. Der Atem beweist die Existenz des unsichtbaren Lebens. Er ist hörbar und zugleich unhörbar. Er ist sichtbar und zugleich unsichtbar. Ein gewisser Grad seiner Aktivität und der Raum, durch den er wirkt, machen den Atem hörbar. Dies zeigt, dass da etwas existiert, dessen wir bewusst sind, eine Quelle, die niemand kennt, etwas das jeden Augenblick des Tages aktiv ist und nach dessen Muster der ganze Mechanismus von Natur und Kunst gebildet ist.

Niemand kann erklären, von woher der Atem in diesen sterblichen Leib gekommen ist. Niemand kann sagen, wohin er geht, wenn er diesen aus Lehm geformten Leib verlässt. Man kann nur sagen, dass etwas Leben Spendendes kam, diesen Leib eine Weile am Leben erhielt und dadurch bewies, dass dieser gleiche Leib, den man einst lebendig glaubte, nicht wirklich lebendig war, dass viel mehr es selbst das Leben war. Dies beweist dem Intellekt, selbst wenn er keinen Glauben hat, dass es einen Ursprung gibt, aus dem das Leben stammt und dass es wieder zu dem gleichen Ursprung zurückkehrt. Das wahre Selbst des Menschen ist jener Teil seines Wesens, der von sich selbst weiß, dass er existiert, der sich seiner selbst bewusst ist. Wenn dieses Selbst anstelle des Leibes den Atem zum Träger nimmt, steigt es zu den höchsten Höhen auf, zu jenem Ziel, das die Quelle und der Ursprung aller Wesen ist.

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Die Mystik des Atems

Der Atem ist hörbar und sichtbar, und wenn ein spiritueller Mensch ihn durch geistige Übungen stärkt und reinigt, wird er wahrnehmbarer als ein Licht und ein Ton. Leben und Licht sind in Wahrheit eines; der Atem ist das Leben, und der gleiche Atem ist auch das Licht. Der Atem ist in der Tat das Licht aller Sinne. Die Sinne des Sehens, des Riechens, des Schmeckens, des Hörens und des Fühlens nehmen alles durch das Licht des Atems wahr. Wenn der Atem den Körper verlässt, wird dieser trotz seines vollkommenen Mechanismus unbrauchbar. Es ist daher natürlich, dass jedes Sinnesorgan kraftvoll und durchdringend wird, sobald der Atem entwickelt und gereinigt ist.

Die Ursache dafür, dass kranke, schwächliche und physisch zarte Menschen häufig Visionen haben, liegt darin, dass durch den Mangel an Fleisch, Fett und Blut die Adern und Gefäße des Körpers, sowie alle Sinnesorgane frei sind und nicht blockiert, wie dies bei einem muskulösen Menschen der Fall ist. Dadurch werden die Sinne natürlicherweise scharf und vermögen mehr wahrzunehmen, als im allgemeinen Wahrnehmungsbereich liegt. Auch nimmt ein solcher Mensch im Schlaf Eindrücke aus der inneren Welt auf, weil während des Schlafes der innere Sinn - den man den Ursprung aller Sinne nennen könnte - der äußeren Welt sozusagen den Rücken zukehrt und die innere Welt zu sehen beginnt.

Der Mystiker entwickelt und reinigt den Atem mit Hilfe von Übungen. Deshalb werden ihm nach einer gewissen Zeit alle Dinge der äußeren und inneren Welt klar. Manche sehen Licht vor sich, andere bemerken Farben vor ihrem Blick und wieder andere erblicken Formen. Wenn sie aber zu anderen darüber reden, die diese Phänomene nicht beobachten können, werden sie für Phantasten gehalten und von den Leuten oft verlacht. Daher spricht der Sufi nie von solchen Erlebnissen. Er denkt, es sei nicht ihre Welt und sie können es nicht verstehen, ehe sie auch zu dieser Sphäre emporsteigen. Es gibt kein anderes Motiv, um über seine Erfahrungen zu sprechen als Stolz, und wenn jemand aus Eitelkeit dies tut, wird der nächste Schritt die Übertreibung sein. Wenn etwas einen veranlasst, sich anderen überlegen zu fühlen, wird er natürlicherweise auch dazu neigen, es noch eindrucksvoller zu machen. Abgesehen davon liegt es in der menschlichen Natur, die Freunde an den eigenen Freuden teilnehmen lassen zu wollen, und wenn jemand etwas sieht, das ihm Freude macht, wird er sicher versuchen, es durch eine kleine hinzugefügte Übertreibung noch interessanter zu machen. Es gibt daher auf dem geistigen Pfad diese beiden Gefahren, deren der Adept sich bewusst sein muss, ehe er sich auf die Reise begibt. Aus diesem Grunde wurde die Mystik zu einer Geheimlehre gemacht, damit nicht jedermann damit spiele.

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Voller Atem

Die Bedeutung des Atems im Körper gleicht dem Einfluss des Wetters in der Welt. Indem Körper und Bewusstsein (mind) aufeinander einwirken und zurückwirken, werden beide vor allem durch den Einfluss des Atems gelenkt. Jedes Gefühl wird durch den Atem verursacht, durch die Richtung, in die er fließt und seiner Stärke. Es gibt drei verschiedene Atemrhythmen, die einen Einfluss auf das Bewusstsein ausüben. Der langsame Atem verschafft ihm Ruhe, und seine schöpferischen Fähigkeiten bekommen durch diesen Rhythmus einen Spielraum. Der gemäßigte Atem hilft dem Bewusstsein, mit seinen Aktivitäten fortzufahren. Wenn man einen Arbeitsplan aufstellen möchte oder eine bestimmte Arbeit ausführen will, dann wäre die oben erwähnte langsame Aktivität des Atems nicht günstig, während sie beim Dichten oder Musizieren förderlich ist. Der beschleunigte Atemrhythmus verursacht Verwirrung, obwohl er physischen Aktivitäten Kraft verleiht. Man kann besser laufen oder schwimmen, wenn der Atem einen ziemlich raschen Rhythmus hat. Wenn er jedoch zu schnell wird, bringt er dem Bewusstsein Verwirrung und dem Körper Erschöpfung.

Wer nicht voll, d. h. frei und tief atmet, kann sich weder wohlfühlen noch seine geistigen Fähigkeiten gebrauchen. Oft findet man, dass gebildete und intelligente Menschen unfähig sind, so zu arbeiten, wie sie es wünschen oder eine Aufgabe, die sie begonnen haben zu vollenden. Sie halten dies manchmal für eine körperliche oder geistige Schwäche, einen Mangel an Begeisterung oder ein Versagen des Gedächtnisses und wissen nicht, dass es häufig eine Sache der Atemregulierung ist. Meistens glauben die Leute, dass die äußeren Sinne müde und erschöpft seien und sie am Denken hindern, aber in Wirklichkeit ist es das Fehlen der richtigen Atmung, denn die richtige Atmung lässt die geistigen Fähigkeiten klarer und die äußeren Sinne wahrnehmungsfähiger werden. Dies zeigt, dass das Bewusstsein durch den vollen Atem ein volleres Leben führen kann. Für den Sufi ist deshalb der Atem ein Schlüssel zur Konzentration. „Der Sufi hüllt sozusagen seinen Gedanken in den Atem.” Diesen Ausspruch Rumis würde ich dahingehend interpretieren, dass der Sufi sein geliebtes Ideal in die Schwingung seines Atems hineinlegt. Dabei erinnere ich das Wort meines Murshids, dass jeder Atemzug im Gedanken an den göttlichen Geliebten der einzige Gewinn und jeder Atemzug ohne diesen Gedanken der einzige Verlust ist.

Hazrat Inayat Khan - Volume XIII -  The Gathas, Part IV - Pasi Anfas: Breath, Gata II

 

Sei dir jedes Atemzuges bewusst

Durch die Kraft des Atems suchen die Tiere nach ihrer Nahrung. Durch den Atem nehmen sie wahr, was sie fressen oder was sie nicht fressen sollen, durch den Atem spüren die Raubtiere ihre Beute auf. Durch den Atem erhalten einige Tiere Warnungen vor Gefahren, und wiederum durch den Atem finden manche Tiere ihre Heilmittel, wenn sie krank sind. Wenn die niedere Schöpfung so viel durch die Kraft des Atems vollbringen kann, wie viel mehr könnte der Mensch erreichen, wenn er nur die richtige Weise der Atementwicklung kennen würde. Es ist der Atem, durch den die Vögel Warnungen vor Witterungsumschlägen erhalten und dann in Scharen von einem Ort zum andern ziehen. Durch den Atem wittern Rehrudel den nahenden Sturm, einen Wetterwechsel oder das Anschleichen eines Löwen oder Tigers. Der Mensch, der fähig ist durch den Atem noch tiefere Dinge wahrzunehmen, - Warnungen und Rufe aus der Erde und vom Himmel, von den Plätzen, die für ihn zum Wohnen oder Niederlassen bestimmt sind, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden und ihr Gefallen oder Missfallen wahrzunehmen -, vermag infolge seines Interesses an den Oberflächlichkeiten des Lebens nicht, die Kraft des Atems in vollem Umfang zu nutzen.

Yogis und Sufis und alle Schüler der inneren Entwicklung glauben daher, dass der Atem das Mittel ist, um alles intuitive Wissen aus jeder Lebensrichtung zu empfangen. In tausend Dinge des täglichen Lebens vertieft, schenkt der Mensch dem Atem kaum einen Gedanken. Darum bleibt sein Herz gegenüber allen Offenbarungen verschlossen, die mit Hilfe des Atems zu erhalten sind. Im Allgemeinen ist er sich seines Atems, dessen Rhythmus, dessen Entwicklung nie bewusst, außer zu Zeiten, wenn er so müde ist, dass ihm der Atem versagt, oder so aufgeregt, dass er zu ersticken glaubt, oder wenn sonst etwas den Atem am Fließen hindert. Für den Sufi ist es wünschenswert, sich jedes Atemzugs bewusst zu sein. In den Sufischulen des Ostens halten es die Mitglieder einer gewissen Gemeinschaft für ihre Pflicht, die ganze Versammlung dann zu erinnern. Einer nach dem andern kommt dieser Pflicht nach. Sie rufen laut: „Hosh ba dam“, - das bedeutet, „Bleib des Atems bewusst" - „Nazr ba kadam“, - dieser Satz wird hinzugefügt, wenn sie gehen und bedeutet, „Blick hinab und siehe, wessen Füße es sind, die da schreiten.“

Hazrat Inayat Khan - Volume XIII -  The Gathas, Part IV - Pasi Anfas: Breath, Gata II

 

Die Länge und Breite des Atems

Das Bewusstsein (mind) ist schöpferisch und der Gedanke lebendig; aber woraus erschafft das Bewusstsein einen Gedanken? Aus den Atomen der mentalen Sphäre. Die Strömung, die die gewünschten Atome anzieht, um daraus einen Gedanken zu formen, ist der Atem, nicht jener Atem, der äußerlich wahrnehmbar ist, sondern ein Teil des Atems, den nicht jedermann bemerkt. Je grösser die Länge und Breite des Atems ist, desto grösser wird die Möglichkeit einen Gedanken zu bilden. Aus diesem Grunde sind die Gedanken der Heiligen und Mystiker, die Meister des Atems sind, inhaltsreicher und in sich vollständiger und erweisen sich als ausdrucksvoller und beeindruckender.

Die Breite des Atems besteht in seinem Volumen. Sie entsteht durch die Fähigkeit eines Menschen mit weit offenen Nasenflügeln und offener Lunge zu atmen. Hierin liegt auch das Geheimnis der Stimmkraft. Hinter der Stimme eines Armeekommandanten, die durch die Reihen der Soldaten tönt und sie zum Kampf ermutigt, steht der Atem als das ganze Geheimnis. Ali brachte durch die Anrufung des heiligen Worts, das er manchmal über das Schlachtfeld zu schmettern pflegte, den Feind zum Zittern.

Die Länge des Atems weist auf die Länge des Lebens; ein langer Atem ist ein Zeichen von langem Leben. Weites Atmen hängt nicht nur von weiten Nasenflügeln und offenen Lungen ab, sondern auch von dem Raum, den der Körper dem Atem bietet, nicht nur der Nase und der Brust, sondern auch des Kopfs und des Unterleibs.

Es gibt Menschen, deren Atem wohl Volumen oder Breite hat, aber keine Länge, und andere, deren Atem Länge besitzt, aber keine Breite. Es ist aber die Ausgeglichenheit von Länge und Breite des Atems, die das Bewusstsein im Gleichgewicht halten.

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Inspiration

Die Inspiration stellt sich ein, wenn Licht auf einen gewissen Begriff geworfen wird. Dies wird durch die auf das Bewusstsein (mind) gerichtete Ausstrahlung des Atems bewirkt. Es gibt zwei Schatten: der eine wird auf den Himmel projiziert, der andere fällt zur Erde; der erste ist nur den Mystikern bekannt, den anderen kennt jeder. Wenn der entwickelte Atem ausströmt, erzeugt seine Ausstrahlung Licht. Die verschiedenen Schattierungen und Stärkegrade dieses Lichts, die sich in verschiedenen Farben darstellen, lassen den Mystiker die einzelnen Elemente erkennen, die durch bestimmte Farben bezeichnet werden. Der gleiche Atem hat eine andere Wirkung, wenn er nach innen gerichtet wird. Einem Scheinwerfer gleich fällt er auf das Bewusstsein und zeigt dem Verstand das gesuchte Objekt wie im Tageslicht. So erkennt der Mensch ohne jede Anstrengung alles, was er zu wissen wünscht und drückt es seiner besonderen Befähigung entsprechend aus.

Inspiration und Befähigung sind also zwei verschiedene Dinge. Die Inspiration findet ihren vollkommensten Ausdruck in hochentwickelten Seelen. Doch ist die Inspiration unabhängig von der Befähigung. Das vom Atem auf das Bewusstsein gerichtete Licht unterscheidet sich jedes Mal in seiner Ausstrahlung. Trägt es weit, so erleuchtet es die innersten Winkel des Herzens, wohin nie Licht gedrungen ist. Trägt der Atem noch weiter, so erreicht das Licht den Geist Gottes, die Fülle aller Erkenntnis.

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Atem und Meditation

Warum wird bei den Hindus der Atem Prana genannt? - Weil er das innere Wesen nach aussen bringt. Er ist ein Strom, der von den äusseren Sphären zum Geist im Innern fließt. Was er von den äusseren Sphären dem inneren Geist zuführt, ist nicht annähernd so bedeutend wie das, was er aus der inneren Sphäre des Lebens nach aussen bringt.

Aus diesem Grunde wirkt der Atem belebend. Darum muss natürlicherweise der Atem eines gesunden Menschen auf einen anderen in seiner Nähe heilend wirken. Der Atem eines Meisters wird die Gedanken anderer beleben und der Atem eines spirituellen Menschen wird die ihn Umgebenden erleuchten. Durch den Atem kann ein geistig entwickelter Mensch anderen, mit denen er in Berührung kommt, seine physische Energie, seine Gedankenkraft und seinen spirituellen Einfluss verleihen. Wünscht jedoch ein Mensch anderen Kraft zu geben, ohne selbst genügend Kraft zu besitzen, so wird er geschwächt, ja gebrochen, wenn die Anforderung an seine Kraft zu gross ist und ihm selbst zu wenig Kraft bleibt. Die Sufis betrachten deshalb mit Meditation verbundene Atmung für wichtiger als alles übrige in der Welt, - wichtiger als ihre Nahrung, ihren Schlaf oder ihr Wohlergehen.

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Der Atem gleicht dem Wasser

Der Atem gleicht dem Wasser. Das Fließen des Atems ist wie das Fließen eines Stromes. Einatmung und Ausatmung weisen auf Ebbe und Flut. Teile der Erde, die das Wasser nicht berührt, bleiben unfruchtbar. So bleiben die Zentren im Körper mit all ihren angeborenen intuitiven Fähigkeiten unproduktiv, wenn der Atem sie nicht erreicht. Auch haben verschiedene Krankheiten trotz aller ersichtlichen Gründe oft eine Hauptursache, und das ist der Mangel an freiem Atemfluss. Viele Operationen könnten vermieden und mancherlei Krankheiten geheilt werden durch das Wissen über das Wunder des Atems.

Die heiligen Flüsse der Hindus, Ganges und Jamuna sind äußere Symbole von jelal und jemal, den beiden Richtungen des Atemflusses. Der Ort, wo sie zusammenfließen, wird sangam genannt - Begegnung oder Vereinigung - und wird von den Hindus als äußerst heilig angesehen. Sangam ist das Zusammentreffen dieser beiden entgegengesetzten Strömungen. Es gleicht der Begegnung der beiden Richtungen im Zentrum, die von den Sufis kemal genannt wird.

Das Wasser steigt, fließt dahin, fällt, läuft im Zick-Zack und steht, wenn es gestaut wird. So ist es mit dem Atem. Jeder oben genannte Vorgang im Atem hat eine Bedeutung und eine besondere Wirkung, wie auch das Wasser sich in seiner Kraft und seinem Magnetismus verändert, während es in den oben erwähnten Richtungen fließt. Wasser wirkt stärkend, und Atem ist Leben an sich. Kein Stärkungsmittel kann wirksamer und besser sein als der Atem. Die Gegenwart eines geistig entwickelten Menschen kann deshalb eine Heilung in Fällen herbeiführen, in denen alle Heilmittel versagen. Wasser ist lebensnotwendig, und Atmung ist die Vorbedingung fürs Leben. Ohne ihn ist Leben unmöglich. Wasser fällt als Regen von oben; so kommt auch der Atem von oben, wenn auch aus einer anderen Dimension. Wasser steigt als Dampf auf; so steigt der Atem mit Gasen auf, auch mit Freude und Depressionen. Reines Wasser ist Gesundheit bringend, reiner Atem gibt Leben. Wasser nimmt alles auf, was ihm beigemischt wird, so auch der Atem.

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Atem und Magnetismus

Im Mechanismus des menschlichen Körpers ist das Nervensystem sozusagen die Hauptbatterie, in der durch den Vorgang des Atmens Magnetismus erzeugt wird. Zu Zeiten, in denen das Nervensystem nicht gut funktionieren kann, gerät die Batterie in Unordnung und arbeitet nicht richtig. Um diese Batterie wieder in Ordnung zu bringen, nehmen viele Menschen Medikamente und andere Heilmittel, die das Nervensystem anregen. Doch anstatt es zu stärken, schwächen sie es, und schließlich wird es von den eingenommenen Medikamenten abhängig.

Die Nahrung für das Nervensystem besteht in dem, was der Atem aus dem Raum an sich zieht. Die Wissenschaft nennt das, dem Organismus Sauerstoff zuführen. Der Mystiker geht weiter und sagt, dass dem Menschen durch den Atem nicht nur Sauerstoff zugeführt wird, sonders jenes Leben und jene Intelligenz, jene Kraft und Ausstrahlung, die dem Nervensystem zu vollkommener Ordnung verhelfen, was nicht nur zu vollkommener Gesundheit, sondern auch zu einem stetig zunehmenden Magnetismus führt, der sich in Worten und Gedanken, in Bewegungen und im Handeln des Menschen ausdrückt und seine Atmosphäre mit Magnetismus auflädt, der ihn umgibt und gegen jeden fremden Einfluss, - physischen wie geistigen - schützt und es ihm ermöglicht, ein volleres Leben zu leben.

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Subtile Wellen des Atems

Das Einatmen weist auf die Absorptionsfähigkeit, die bei allen lebenden Wesen und auch bei Gegenständen vorhanden ist. Kleine Keime, Würmer, Bäume und Pflanzen haben diese Absorptionsfähigkeit und atmen auf diese Weise. Ebenso haben alle lebenden Wesen und Dinge die Tendenz, Fremdstoffe auszuscheiden, die ihr System nicht assimilieren kann. Nicht nur das Ein- und Ausatmen durch die Nase erfüllt diese beiden Funktionen der Absorption und des Ausscheidens, sondern es bestehen noch feine Atemwellen, die nach verschiedenen Richtungen des Körpers wirken und die oben erwähnten Funktionen auf ihre eigene Art und nach ihrem eigenen Rhythmus verrichten, z.B. das Strecken und Dehnen, das Augenblinzeln, das Ausscheiden von Wasser und Exkrementen aus dem Körper. Wenn eine dieser subtilen Atemwellen, die in irgendeiner Weise im Körper wirken, gestört wird, entsteht in dem betreffenden Körperteil Krankheit. Dies beeinflusst allmählich auch andere Teile des Körpers.

Gleichmäßigkeit im Ein- und Ausatmen erhält das Gleichgewicht im Leben und Wesen des Menschen. Der Einfluss eines Menschen entspricht der Reichweite seines Atems. Je nach der mehr oder weniger vollen Atmung lebt der Mensch ein mehr oder weniger volles Leben. Es kann sein, dass ein Kind nur darum sehr klein bleibt, weil seine Atmungskapazität ihm nicht ermöglicht, tief und voll zu atmen. Wenn ein junger Mensch sich nicht voll entwickelt, liegt die Ursache häufig in einer ungenügenden Atmung. Auch altert ein Mensch früher, wenn er nicht richtig atmet. Wenn Menschen sich müde und matt fühlen, ohne eigentlich krank zu sein, liegt das oft an einer falschen Atmung.

Der Geist (spirit) schafft sich den physischen Körper aus sich selbst. Darum hängt dessen Leben, trotz aller physischen Nahrung, vollständig vom Geist ab. Es ist möglich, eine gewisse Zeit ohne zu essen und zu trinken zu leben, aber nicht ohne zu atmen. Der Grund liegt darin, weil der physische Körper aus dem Geist geschaffen ist, muss er, um existieren zu können, Geist einatmen. Der Atem nährt nicht allein den physischen Körper, sondern trägt zur Erhaltung aller Ebenen der menschlichen Existenz bei.

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Das Mysterium des Atems

Atem durchdringt, Atem berührt, Atem absorbiert, Atem kräftigt, Atem heilt. Darum vermögen Seelen mit großen Kräften ihre Gedanken und Gefühle in das Bewusstsein (mind) und die Herzen anderer eindringen zu lassen. So wie der Atem eine Atmosphäre schafft, so durchdringt er nicht nur die Körper anderer, sondern auch den Raum, indem er die ganze Atmosphäre mit seinem besonderen Magnetismus auflädt.

Die Herzen der Menschen können mit den Gongs in einem Tempel verglichen werden. Jedes gesprochene Wort schlägt sie an, aber durch den Atem werden sie berührt, ohne dass ein Wort gesprochen wird. Durch den Atem zieht der Mensch Krankheiten an, aber auch das Unwohlsein oder die Depression anderer, wie auch ihre Freude und ihr Glück. Der Atem eines Menschen, der an Leib und Seele gesund ist, wirkt belebend. Der Atem spiritueller Menschen, die andere mit Liebe und Sympathie umgeben, wirkt in natürlicher Weise heilend.

Es ist nicht übertrieben zu sagen, dass das ganze Wunder des Lebens im Geheimnis des Atems besteht. Sobald man das Wissen vom Atem erlangt hat und ihn durch Übung zu meistern versteht, erlebt man im Inneren wie außen Wunderbares. Viele bleiben Zweifler, bis sie das Geheimnis des Atems ergründet haben. Sobald sie es kennen, nennen sie es, so wie die Hindus es seit Jahrhunderten nennen: Atem-Leben.

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Das Geheimnis des Atems

Jedem ist klar, auch wenn er keine medizinischen Kenntnisse hat, dass der ganze Mechanismus des Körpers stoppt, wenn der Atem aufhört. Das heißt, wie perfekt auch immer der Mechanismus des Körpers arbeitet, so ist er doch ohne den Atem tote Materie. Mit anderen Worten, was das Lebendige in einem Körper ist, was ihn leben und arbeiten lässt, ist der Atem. Wie wenige erkennen diese Tatsache! Wir benutzen tagtäglich unsere Beine, sind mit den alltäglichen Dingen des Lebens beschäftigt, in unsere Gedanken verstrickt, verfolgen unsere Interessen und ignorieren dabei das Prinzip, auf dem das ganze Leben basiert. Wenn jemand sagt: »Das Gebet ist etwas sehr Wichtiges«, dann denken die Menschen: »Ja, vielleicht ist es das.« Wenn jemand erklärt: »Meditation ist etwas Großartiges,« dann sagen die Menschen: »Ja, da ist etwas dran.« Aber wenn jemand sagt: »Der Atem ist ein großes Geheimnis«, dann ist die Reaktion: »Wieso, darüber habe ich niemals nachgedacht. Ist es wirklich so?«

Nach Meinung der Wissenschaftler ist der Atem Luft, die eingeatmet und wieder ausgeatmet wird. Beim Einatmen erhalten wir Sauerstoff, und beim Ausatmen geben wir Kohlensäure ab. Wenn man dies noch genauer untersucht, findet man heraus, dass der Atem die Lungen und andere mit dem Atem in Verbindung stehende Organe in Bewegung hält, dass Verdauungsgase entstehen und die Verdauung so anregen. Man beginnt, die Kraft des Atems bei physischen Übungen zu nutzen, um den Körper gesund zu erhalten. Seit einigen Jahren wird er auch in Stimmübungen eingesetzt. Tatsächlich ist der Atem selbst Stimme, denn unsere Fähigkeit, Laute von uns zu geben, hängt vom Atem ab. Ebenso beginnen einige Ärzte zu erkennen, dass viele Krankheiten der Nerven, der Lunge oder des Zentralen Nervensystems mit Atemübungen geheilt werden können. Es scheint, als erwache ein neues Bewusstsein für die Kraft des Atems. Und diejenigen, die Atemübungen in Verbindung mit physischem Training für die Verbesserung ihrer Kondition, zur Heilung von Krankheiten oder Schwäche, praktiziert haben, kamen zu wunderbaren Resultaten. So weit ist also die Wissenschaft bisher in Bezug auf den Atem gekommen.

Die mystische Seite des Atems jedoch ist ein völlig anderer Bereich. Der wahrnehmbare Atem, den wir durch unsere Nase beim Ein- und Ausatmen strömen fühlen, ist nur eine Wirkung des Atems. Es ist nicht der Atem selbst. Denn der mystische Atem ist der Strom selbst, der dieses Ein- und Ausatmen bewirkt. Die Luft können wir wahrnehmen, nicht den Strom selbst, dieser entzieht sich unserer Wahrnehmungsfähigkeit. Es ist eine Art ätherischer Magnetismus, eine feinere Art der Elektrizität, ein ständiger Strom, der die Luft in Bewegung setzt. Das ist es, was die Mystiker Nafs nennen, was das Selbst bedeutet. Atem ist das Selbst, das innerste Selbst eines Menschen. Auch das deutsche Wort Atem ist abgeleitet von dem Sanskritwort Atman, das Seele heißt. Das bedeutet also, wenn es irgendeine Spur der Seele gibt, dann liegt sie im Atem.

Da der Atem das Selbst ist, kann er nicht nur Luft sein, die wir ein- und ausatmen, sondern ist ein Strom, der nach dem, was die Mystiker behaupten, von der physischen Ebene in die tieferen Schichten des Seins eindringt; ein Strom, der durch Körper, Geist und Seele fließt, und dabei bis ins tiefste Innere des Lebens dringt und wieder heraustritt, ein fortwährender Fluss, beständig von außen nach innen, von innen nach außen sich bewegend. Das gibt eine völlig andere Erklärung des Atems und zeigt eine Bedeutsamkeit, die nur wenige Menschen erfassen. Und dies lässt einen verstehen, dass der Atem der wichtigste Teil des Lebens ist, der bis ins Innerste allen Seins dringt und gleichzeitig die Oberfläche durchströmt, die physische Ebene. Aber die Richtung des Atems ist in einer Dimension, die von der heutigen Wissenschaft nicht erkannt wird, eine Dimension, die nur von den Mystikern als eine »innerliche Dimension erfasst wurde.

Einmal hielt ich einen Vortrag in England, und unter den Zuhörern war ein bekannter Wissenschaftler. Nach dem Vortrag kam er zu mir und sagte: »Ich finde es alles sehr interessant. Aber es gibt etwas, was mich verwirrt. Ich kann das Wort ‘innerlich’ nicht verstehen. Was meinen Sie damit? Wir können nur ‘innerhalb des Körpers’ verstehen.« Das zeigt die Schwierigkeit, zu einem gemeinsamen Verständnis von Wissenschaft und Mystizismus zu kommen. Eines Tages wird dieses Hindernis überwunden sein. Es ist nur eine vorübergehende Schwierigkeit.

Um Ihnen eine philosophische Erklärung für diese Dimension zu geben, könnte man als Beispiel das Gleichnis der Augen nehmen: was für eine Bewandtnis hat es mit unseren Augen, dass sie einen Horizont über mehrere Meilen in sich aufnehmen können? Die Augen sind so klein, und doch können sie solch einen großen Horizont in sich aufnehmen. Wo ist diese Fähigkeit untergebracht? Sie ist innerlich. Es ist das einzige Beispiel, was man geben kann. Es ist eine Dimension, die sich nicht messen lässt, die aber dennoch vorhanden ist. Diese Fähigkeit des Auges ist keine berechenbare Dimension, aber es ist eine Dimension. Auch der Geist hat eine derartige Dimension. Wir können zwar gründlich nachdenken und tief empfinden; wir können uns des Lebens bewusst sein und hier auch in die Tiefe gehen; aber man kann diese Dimension nicht benennen, denn sie ist abstrakt. Wenn es dafür ein Wort gibt, kann man es »innerlich« nennen. Und durch diese Dimension fließt ein Strom von unserem tiefsten Inneren bis hin zu der äußeren, physischen Ebene, wo er das Leben erhält. Deshalb kann man sagen, dass Atem die Seele ist, und die Seele ist der Atem. Es ist wichtig, dass wir verstehen, dass der Atem beim Ein- und Ausatmen keinen geradlinigen Weg nimmt, so wie man es sich vielleicht vorstellen mag. Der eigentliche Verlauf ähnelt einem Rad, einem Kreis; von den Nasenlöchern aus fließt der Atem in einem Kreis, und das Ende des Kreises ist wieder in den Nasenlöchern.

Den dritten Punkt, den wir in Bezug auf den Atem verstehen müssen, ist, dass er wie eine elektrische Leitung Licht verursachen kann; und so wie Hitze und Licht in ihrer Ausbreitung nicht an ihre Quelle gebunden, sondern auch um die Quelle herum sind, so bewegt sich der Atem nicht nur innerhalb dieses Kreises, sondern strahlt auf alle Teile des Körpers aus.

Ein weiterer beachtenswerter Aspekt ist, dass die jeweilige Richtung, die der Strom des Atems nimmt, unterschiedliche Reaktionen und Ergebnisse im gesamten Organismus verursacht. Jegliche körperliche Reaktion unterliegt dem Spiel des Atems, der in verschiedene Richtungen fließt, jede unserer Handlungen während eines Tages, ob wir nun husten, gähnen, tief aufseufzen, all diese sind verschiedene Tätigkeiten des Atems; daneben ebenso unsere Fähigkeit zu essen und zu trinken und das wieder auszuscheiden, was der Körper nicht braucht - all dies beruht auf den verschiedenen Wirkungsweisen des Atems. Wenn der Atem in einer Richtung behindert ist, dann werden bestimmte Tätigkeiten des Organismus blockiert. Das ist ein Bereich, der von der Wissenschaft und der Medizin noch erforscht werden muss. Und je mehr man darüber herausfindet, umso geringer wird die Notwendigkeit für Operationen und andere fürchterliche Dinge, die Ärzte ihren Patienten antun oder verabreichen müssen. Auch die Tendenz zu Lungenkrankheiten, Schmerzen bei der Geburt und früher Tod könnten vermieden werden, wenn die Wissenschaft des Atems von den heutigen Ärzten verstanden und generell praktiziert würde.

Bildhaft dargestellt ist das Verhältnis von Gott und Seele wie das von der Sonne und ihren Strahlen. Die Strahlen sind nicht getrennt von der Sonne, die Sonne nicht von ihren Strahlen. Dennoch existiert eine Sonne mit vielen Strahlen. Die Strahlen haben keine unabhängige Existenz, sie sind unmittelbar mit der Sonne verbunden. Sie sind nicht von ihr getrennt, und doch erscheinen sie als viele unterschiedliche Strahlen. Die eine Sonne gibt uns die Vorstellung von einem Zentrum. Ebenso ist es mit Gott und den Menschen. Was ist Gott? Der spirituelle Geist, der verschiedene Strahlen projiziert, und jeder Strahl ist eine Seele. So ist also der Atem der Strom, der Strahl, der von der Sonne abstammt, die mit dem Geist Gottes vergleichbar ist. Und dieser Strahl ist Leben. Was ist der Körper? Der Körper ist nur das Gewand für diesen Strahl. Wenn der Strahl sich dieses Kleides entledigt, dann ist der Körper tot.

Dann gibt es ein anderes Gewand, das der Geist ist. Der Unterschied zwischen Geist und Herz ist wie der zwischen der Oberfläche und dem Grund. Auf der Oberfläche des Herzens ist der Geist und in der Tiefe des Geistes ist das Herz. Der Verstand bringt unsere Fähigkeit zu denken zum Ausdruck, das Herz offenbart unsere Gefühle. Dies ist ein inneres Gewand, gewebt aus demselben Strom, den wir Atem nennen. Und wenn dieser Strom des Atems den Körper verlässt, so existiert er doch fort, denn er hat ein weiteres Gewand, das innerliche Gewand. Das äußere Gewand war der Körper, das innerliche Gewand ist der Geist. Der Atem besteht weiter, und wenn er sich in dem Gewand verliert, der Geist genannt wird, dann ist da noch ein weiteres Gewand, das wir Seele nennen. Denn der Atem durchströmt alle drei Ebenen: Körper, Geist und Seele.

Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen wird man erkennen, dass der Mensch niemals von Gott getrennt wurde, dass der Mensch mit jedem Atemzug Gott berührt. Er ist mit Gott durch den Fluss des Atems verbunden. Es ist, als würde man Wasser aus einem Brunnen heraufziehen, die Hand hält das Tau, und der Krug mit Wasser befindet sich im Brunnen. Der Krug enthält das Wasser, aber wir halten das Tau in Händen. Insofern wie unsere Seele im Geist Gottes ist, so ist sie der Strahl der göttlichen Sonne, dessen anderes Ende der Atem ist. Wir können seine ganze Reichweite nicht erfassen, denn nur der höher entwickelte Teil unserer physischen Existenz hat Zugang zu den verschiedenen Ebenen. Der Atem kann sie berühren, aber wir können sein Wirken nicht verfolgen. Die physische Tätigkeit des Atems in unserem Körper ist begrenzt, tatsächlich aber verbindet dieser Atemstrom den Körper mit dem göttlichen Geist, er vereint Gott und Mensch in einem Strom.

Auch der zentrale Strom unseres Geistes ist der Atem. Deshalb atmen wir nicht nur durch unseren Körper, sondern auch durch unseren Geist und unsere Seele. So ist auch der Tod nur das Abtrennen des Körpers vom diesem Strom, den wir Atem nennen. Aber selbst, wenn der Körper tot ist, so haftet doch der Geist an diesem Strom; und lebt der Geist, so lebt auch die Person. Das ist ein Beweis für ein Leben danach. Viele werden sagen: »Wie uninteressant, ein Leben nach dem Tod, nicht als ein Individuum, als körperliche Existenz, sondern als Geist!« Aber es ist der Geist, der den Körper hervorbrachte; der Geist genügt viel mehr sich selbst, als wir annehmen. Der Geist ist in einer Sphäre, in welcher er seine eigene Gestalt hat, genau wie der physische Körper nur in der physischen Sphäre existieren kann. Die Gestalt des Geistes ist genauso zureichend, ja, sogar noch konkreter als die des physischen Körpers, denn der Körper ist begrenzt und unterliegt Tod und Verfall. Die Gestalt des Geistes, die ätherisch ist, besteht fort, denn sie ist nicht abhängig von Nahrung und Wasser, sie wird mehr vom Atem getragen als von irgendetwas anderem. Auch die Grundlage unserer jetzigen Existenz ist hauptsächlich der Atem, auch wenn wir glauben, Brot, Wasser und andere Nahrung würden unseren Körper erhalten. Wenn wir nur begreifen könnten, dass Brot und Wasser nur einen Bruchteil zu unserem Dasein beitragen im Vergleich zum Atem! Wir könnten keine fünf Minuten ohne Atem überleben, aber wir können viele Tage ohne Nahrung auskommen.

Da der Atem von solch großer Bedeutung ist, ja, von größtmöglicher Bedeutung, ist es klar, dass wir nur durch den Atem Ordnung und Harmonie in unseren Körper, unseren Geist bringen können, unseren Körper und Geist miteinander in Harmonie bringen können und diese wiederum mit der Seele. Die Entwicklung des Atems, das Wissen um seine Beschaffenheit, das Praktizieren von Atemübungen helfen uns, Klärung über uns selbst zu finden, uns zu harmonisieren, Ordnung in unser Leben zu bringen. Es gibt viele Menschen, die ohne rechte Anleitung Atemübungen praktizieren. Sie üben Jahr für Jahr ohne ein wirkliches Ergebnis. Viele verlieren ihren Verstand, und oft werden kleine Adern des Gehirns und der Brust durch falsches Atmen zerstört. Das ist vielen passiert, weil sie nicht wussten, wie sie richtig atmen sollen. Man muss sehr vorsichtig sein. Man sollte Atemübungen nur korrekt machen oder es sonst lieber ganz lassen.

Man kann nicht alle Vorzüge aufzählen, die rechtes Atmen bewirken kann. Wenn es heute Menschen gibt, die, während sie unter uns weilen, gleichzeitig Zugang haben zu den innersten Ebenen menschlicher Existenz, wenn es Menschen gibt, die in Kommunikation mit höheren Sphären sind, Menschen, die überzeugt von einem Leben nach dem Tode sind und wissen, wie es aussehen wird, dann sind es die, die Meisterschaft über den Atem erlangt haben und nicht diejenigen, die intellektuelle Bücher studieren.

Die Yogis haben durch die Schlange sehr viel über das Geheimnis des Atems gelernt; deshalb betrachten sie die Schlange als ein Symbol der Weisheit. Shiva, der Gott der Yogis, trägt eine Schlange um seinen Hals. Sie ist Ausdruck von Mysterium und Weisheit. In tropischen Ländern, besonders in Indien, gibt es Kobras in den Wäldern, die sechs Wochen lang schlafen. Und dann eines Tages erwacht die Kobra und atmet, weil sie hungrig ist; sie will Nahrung. Ihre Gedanken ziehen Nahrung an, wo immer sie auch sein mag. Der Atem der Kobra ist so mächtig, dass die Nahrung sich willenlos zu ihr hingezogen fühlt, sei es ein Hahn oder ein Reh oder irgendein Tier, sie werden vom Atem der Kobra angezogen. Sogar aus der Luft fliegen die Tiere direkt in ihren Mund. Die Schlange unternimmt keine Anstrengung, sie atmet einfach, öffnet ihren Mund, und die Nahrung kommt. Und dann ruht sie sich wieder sechs Wochen lang aus.

Auch ist die Schlange so stark, dass sie, ohne Flügel zu haben, fliegen und ohne Füße laufen kann. Wenn man nach dem gesundesten Tier sucht, wird man ebenfalls herausfinden, dass es die Schlange ist. Sie ist niemals krank. Bevor sie krank wird, stirbt sie, aber normalerweise ist sie sehr langlebig. Von Menschen, die in tropischen Ländern leben, wird behauptet, dass Kobras sich rächen können, sogar nach zwölf Jahren. Wenn jemand einmal eine Kobra geschlagen hat, wird sie sich daran immer erinnern. Das beweist ihr gutes Gedächtnis. Musik wirkt auf eine Kobra ebenso wie auf einen intelligenten Menschen. Je geringer die Intelligenz eines Menschen, umso weniger wird er Zugang zur Musik haben. Musik steht in enger Beziehung zur Intelligenz. Man kann also erkennen, dass die Kobra alle Zeichen von Intelligenz, Weisheit und Stärke aufweist.

Die Mystiker haben das Leben der Kobra studiert und sie haben wundervolle Dinge herausgefunden. Eines dieser Dinge ist, dass die Kobra keine Energie verschwendet. Vögel fliegen umher, bis sie ermüdet sind, andere Tiere rennen hier und dort herum. Die Kobra dagegen nicht. Sie gräbt sich ein Loch in die Erde und ruht. Sie kennt die beste Art der Entspannung, eine Position, in der sie so lange verweilen kann, wie sie es wünscht. Wir können das nicht. Wir als menschliche Wesen wissen von allen Kreaturen am wenigsten über die Entspannung. Wir widmen all unsere Aufmerksamkeit der Arbeit, nie der Ruhe, weil wir alles nur in der Arbeit finden, aber nichts in der Ruhe. Das Wirken der Ruhe erkennen wir nicht.

Außerdem ist die natürliche Atemkapazität der Kobra anders, als bei jeder anderen Kreatur. Der Atem fließt als eine gerade Linie durch den Körper. Die Kraft, die aus dem Raum kommt, durchströmt sie direkt und erfüllt sie mit Leichtigkeit und Energie, strahlendem Licht und Macht. Verglichen mit der Kobra sind alle anderen Lebewesen unscheinbar. Die Haut der Kobra ist so zart wie Seide, und in einem Moment kann sie ihre alte Haut ablegen und neu sein, so als wäre sie erneut geboren. Die Mystiker haben von ihr gelernt. Sie sagen: »Wir müssen aus unserem Körper herausgehen, wie sich die Kobra aus ihrer Haut schält. Wir müssen uns von unseren Gedanken, Ideen und Gefühlen ablösen, wie die Kobra sich ihrer alten Haut entledigt.« Sie sagen weiter: »Wir müssen fähig sein, rhythmisch zu atmen, unseren Atem zu kontrollieren wie die Kobra. Wir müssen in der Lage sein, lange in einer bestimmten Ruhestellung zu verweilen wie die Kobra. Dann können wir alles vollbringen, was wir uns wünschen.« Ebenso sagt auch Christus: »Sucht zuerst nach dem Königreich Gottes - dann werden euch alle Dinge gegeben.« So wie der Kobra alles gegeben wird, was sie braucht, so könnte auch dem Menschen alles zufließen, was er braucht, wenn er sich darum nicht sorgen würde. Wie auch Sa'di gesagt hat: »Mein Selbst, du sorgst dich so sehr um deine Bedürfnisse, aber wisse, dass der Eine ständig für alles sorgt. Dennoch machst du dir Gedanken, weil es deine Krankheit ist, deine Leidenschaft, ständig darum bekümmert zu sein!«

Wenn wir uns unser Leben anschauen, dann sehen wir, dass es genauso ist. Es scheint in unserer Natur zu liegen, uns um alles Mögliche zu sorgen, wir können nichts dagegen tun. Es ist so sehr ein Teil unserer Wesenheit, dass wir anfangen, an unserer Lebendigkeit zu zweifeln, wenn wir nicht um irgendetwas besorgt sind. Daher haben die Mystiker seit Tausenden von Jahren Kontrolle über ihren Atem geübt, ihn im Gleichgewicht gehalten, seinen Rhythmus erforscht, seine Ausdehnung, Verlängerung, Erweiterung und Zentrierung praktiziert. Durch ihre Experimente haben sie Großes vollbracht. Alle Sufis in Persien, in Ägypten, in Indien waren große Meister in der Beherrschung des Atems; und es gibt einige Meister, die sich ihrer spirituellen Verwirklichung mit jedem Atemzug bewusst sind. Mit jedem Ein- und Ausatmen sind sie sich des Grades ihrer Verwirklichung bewusst.

Für einen Menschen, der weiß, wie er mit seinem Atem arbeiten kann und der nicht zu träge ist, gibt es nichts, was zu erreichen ihm unmöglich wäre. Nur erfordert es einige Anstrengung. Es ist nicht nur eine Angelegenheit des Wissens und der Theorie, sondern es erfordert auch tiefes Verständnis. Deshalb betrachten auch die Mystiker, die Adepten, den Atem nicht als eine Wissenschaft oder eine Übung. Für sie ist es etwas sehr Heiliges, so heilig wie Religion. Und diese Art, mit dem Atem umzugehen, kann nur von einem Lehrer übermittelt werden.

Aber darin besteht eine große Schwierigkeit. Während meiner Reisen habe ich oft erlebt, dass, wenn ich über diese Dinge gesprochen habe, die Menschen mit vorgefassten Ideen kamen. Sie sind zwar gewillt zu lernen, aber sie lehnen Disziplin ab. In der Armee gibt es diese Disziplin; in der Fabrik, in den Büros gibt es eine Disziplin, im Studium an der Universität, in anderen Bereichen des Lebens, aber wenn es um Spiritualität geht, verweigern die Menschen jegliche Anstrengung. Sie achten sie scheinbar so wenig, dass sie ihnen ein Opfer nicht wert ist. Weil sie nicht wissen, wohin sie das alles führen wird, haben sie kein Vertrauen. Außerdem existiert Verwirrung über hier und dort auftauchende falsche Methoden, und manche Menschen ziehen materiellen Nutzen aus dem, was eines der heiligsten Dinge ist. Auf diese Weise wird eines der höchsten Ideale auf die unterste Ebene erniedrigt. Und es ist an der Zeit, dass die wahre Lehre verbreitet wird, dass sie ernsthaft erforscht, erfahren und durch Übung realisiert wird.

Hazrat Inayat Khan - Volume IV -  Mental Purification and Healing,
Part III: Mental Purification, Chapter XV

 

Heilen durch Atmen

Ein Heiler muss vor allem wissen, dass der Atem das Leben selbst ist, dass Atem das Leben spendet, dass Atem Leben hervorbringt. Man kann eine Zeitlang leben ohne zu essen; doch ohne Atem kann man noch nicht einmal einige Minuten lang überleben. Dies zeigt, dass die Nahrung, die Leben durch den Atem aufnimmt, wesentlich mächtiger und bedeutender ist als irgendein sonstiges Nahrungs-mittel auf Erden. Jedes Atom des menschlichen Körpers strahlt; jedoch wenn der Körper die Flamme ist, dann ist der Atem das Feuer; und wie die Flamme zum Feuer gehört, gehört der Körper zum Atem. Solange Atem im Körper wohnt, lebt er, wenn der Atem ihn verlässt, stirbt der Körper, trotz seiner Schönheit, Kraft und seines komplizierten Mechanismus. Deshalb kann der Atem eines heiligen Menschen Wasser, Brot, Milch oder Wein, Früchte oder Blumen magnetisieren.

Ein vom spirituellen Geist durchdrungener Atem, wirkt heilend auf alle schmerzhaften Körperteile, die von ihm berührt werden. Es gibt kein besseres Verfahren, als mit dem Atem zu heilen, wenn man weiß, wie man den Atem lenken kann. Unter all den verschiedenen Heilmethoden ist der Atem die Hauptsache, denn im Atem liegt der Lebensstrom verborgen.

Hazrat Inayat Khan - Volume IV -  Mental Purification and Healing,
Part II: Healing, Chapter IV - The Application of Healing Power

 

Der Atem

Der Atem ist die grundlegende Kraft, die zum heilen erforderlich ist. All die verschiedenen Manifestationen des magnetischen Stroms, die von den Fingerspitzen, vom Blick und von den Hautporen ausgehen, sind indirekte Erscheinungsformen des Atems. Es ist die Kraft des Atems, die die magnetische Kraft in all ihren verschiedenen Aspekten erzeugt. Ein schwacher Atem schwächt Geist und Körper, ein kräftiger Atem stärkt beide. Ist der Atem voller Energie, kann kein Mangel an Energie oder Magnetismus bestehen. Deshalb sollte, bevor man irgendeine andere Methode zum Heilen erschließt, zuerst die Kraft des Atems entwickelt sein...

Hazrat Inayat Khan - Volume IV -  Mental Purification and Healing,
Part II: Healing, Chapter III - The Development of Healing Power

 

Atmung

Der Atem ist die grundsätzliche und wesentliche Kraft, die das Heilen unterstützt. Es gibt stilles Heilen, auch Heilen durch den Blick, indem der schmerzhafte Bereich mit den Fingern gehalten wird, indem er gerieben wird, indem die Hand darüber bewegt wird, indem er berührt oder nicht berührt wird; doch hinter diesen verschiedenen Möglichkeiten wirkt eine Kraft, das ist die Kraft des Atems. Diese Kraft kann man durch Atemübungen entwickeln, und wenn der Atem so entwickelt ist, dass er eine Atmosphäre um den Heiler herum aufbaut, dann heilt schon die Gegenwart des Heilers. Die Atemkraft kann durch körperliche Übungen, durch rhythmische Atemübungen, durch reine Lebensführung und Konzentration entwickelt werden...

Hazrat Inayat Khan - Volume IV -  Mental Purification and Healing,
Part II: Healing, Chapter I - The Main Aspects of Healing